Logo der Universität Wien

Das koreanische Volkslied (Minyo)

Der koreanische Begriff „Minyo1“ kann wörtlich als „Volkslied“ übersetzt werden. Die tiefere Bedeutung des Begriffs ist allerdings nicht klar definiert und die begrifflichen Grenzen z.B. zwischen „Volkslied“ und „Popularmusik“ sind nicht klar abgesteckt.
Für die vorliegende Digital Lecture wird angenommen, dass der Begriff „Minyo“ in der Hauptsache Lieder bezeichnet, die „aus dem Volk“ kommen, wobei „das Volk“ hier eher die unteren und mittleren Klassen der Gesellschaft, oder Minjung2, bezeichnet, und die betreffenden Lieder zunächst meist in mündlicher Form und ohne eindeutige Autorschaft überliefert wurden.

Minyo sind in diesem Kontext Lieder, die die Entwicklung der koreanischen Gesellschaft, deren kulturellen Charakter und politische Prägung reflektieren. (Vgl. Ryoo, 2000: S. 205)
 
Diese Definition ist es auch, die den Ausgangspunkt für die folgenden Kapitel bildet. Ziel dieser Lecture ist es nicht, die verschiedenen Arten und Definitionen von Minyo begrifflich exakt zu bestimmen, sondern die Eigenschaft von Minyo als Spiegel der koreanischen Gesellschaft als Ausgangspunkt für die Beschäftigung
mit gesellschaftlichen und politischen Phänomenen zu nutzen.
 
2. Charakter des Volkslieds
 
Nach Ryoo (1998: S. 145) können koreanische Volkslieder in vier Kategorien unterteilt werden, welche den Gelegenheiten entsprechen, zu denen die Lieder gesungen werden: Arbeit, Religion, Spiel und Politik.
 
• Notongminyo
Notongyo sind Lieder für Arbeiter, oder solche, die bei der Arbeit gesungen werden. Arbeiterlieder und Handwerkerlieder entsprechen in ihrem Rhythmus oft den physischen Bewegungen, mit denen die Gruppe zusammen arbeitet.
Auch textlich sind diese Lieder oft mit besonderen Bewegungen oder Handgriffen verbunden, die Texte können aber auch zu den Umständen passend improvisiert werden.
 
• Chongkyominyo
Sowohl der Buddhismus als auch konfuzianische Lehren und, noch früher, schamanistische Riten haben die koreanische Gesellschaft tief beeinflusst.
Unter diese Kategorie fallen Lieder, deren Anwendungen in verschiedenen religiös geprägten Zeremoniellen liegen.
 
• Yuhŭiminyo
Das Wort Yuhŭi bedeutet in seiner sino-koreanischen Lesung das Spiel oder die Unterhaltung. Yuhŭiminyo sind demnach Lieder, die bei Festen oder besonderen Gelegenheiten gesungen werden.
 
• Chŏngch'iminyo
Chŏngch'i bedeutet Politik. Chŏngch'iminyo sind Lieder, die politische Vorgänge zum Thema haben, oft als eine Kritik der Masse an der politischen Klasse mit ironischem Charakter.


3. Kulturpoltische Perspektiven auf Minyo und Ch'amyo 

Ryoo (1998) definiert Volkslieder als Lieder, die durch die breite Masse gesungen und durch mündliche Übertragung weitergegeben werden. Jene Volkslieder, die politische Kritik üben, vor politischen Entwicklungen warnen oder andere politische Botschaften beinhalten, fasst er unter dem Begriff Chŏngch'iminyo zusammen.
 
Nach Choi (1988) können sowohl Ch'amyo, als auch Sichŏngyo (poetische Stimmungslieder) und Tongyo(Kinderlieder) mit dem Begriff Chŏngch'iminyo versehen werden, soweit sie sich mit politischen Inhalten befassen und den Gefühlen der Masse über politische Gegebenheiten Ausdruck verleihen.
 
Minyo entstanden ursprünglich in der Gesangskultur der untersten Schichten in der koreanischen Ständegesellschaft. Da Minyo diesen ungebildeten Gesellschaftsschichten entstammen, sind sie formal oft grob und nicht ausgefeilt, entsprechen keinen festen kompositorischen Regeln, sind aber ein wertvolles historisches Indiz für die Volkswahrnehmung.
 
Als Ch'amyo bezeichnet die Volkswissenschaft poetische Texte politischen Inhalts, im Kontext des Volkslieds Minyo werden aber auch jene Minyo, die politische Inhalte haben, als Ch'amyo bezeichnet. Ch'amyo als Begriff bezieht sich also nicht auf eine bestimmte Kunstform, sondern auf den Kontext. (Vgl. Lee, 2004: S. 102)
 
Ch'amyo sind Lieder, in denen die politische Perspektive stark betont ist und die jeder einfach singen kann. Somit waren sie historisch ein Mittel für das Volk, die politische Situation zu kritisieren, gemeinsame Gefühle auszudrücken und ein Gefühl von Gemeinschaft herzustellen.
Ch'amyo können in ihren Inhalten grob auf zwei Formen aufgeteilt werden. Einerseits die Funktion, in der Gesellschaft gemeinsam etwas zu tun und zu verwirklichen und andererseits, die aktuelle Situation zu reflektieren und künftige Entwicklungen vorauszusagen. (Vgl. Lee, 2004: S. 119)
 
Textlich gibt es Ch'amyo mit ausdrücklich kämpferischen Inhalten, aber auch solche, die stark mit Symbolik arbeiten. So werden unter Anderem bestimmte Personen oder Angehörige der Adelsschicht textlich als eine bestimmte Sorte von Gemüse repräsentiert (zum Beispiel im Lied „Minariyo“, in dem die titelgebende Petersilie für die Königin Inhyŏn Wanghu von Chosŏn steht).(vgl. Kim, Hu, 2010: S.32)
Die Texte von Ch'amyo sind selten elegant, aber direkt. Sie sind die Sprachkunst von Minjung, der Volksmasse und sind ein gutes Mittel, die Geschichte aus der Perspektive des Volks und der breiten Masse zu betrachten. Die Anonymität der Urheber und die oft von Oberschicht schwer oder gar nicht zu entschlüsselnde symbolische Codierung der Texte in Verbindung mit einfachen Melodien, die jedes Kind wiedergeben konnte, sorgten für eine rasche Verbreitung dieser Ausdrucksform der Volksseele. Man könnte Ch'amyo auch als einen historischen Vorläufer von Social Media bezeichnen.


4. Minjungkayo
 

Minjungkayo bezeichnet jene Lieder, die aus den pro-demokratischen Protestbewegungen der späten 1970er und 1980er entstanden, Lieder aus „einem Herz und einer Seele des Volkes“.
Obwohl diese Lieder ursprünglich keine explizit politische Bedeutung und auch keine politischen Texte hatten, wurden sie von der Politik als vermeintliche Kritik unterdrückt und verboten und nahmen dadurch erst im Lauf der Zeit eine politische Dimension an. Durch das Verbot geriet das Singen und Verbreiten dieser Lieder zum Protest und sie wurden zu einem Symbol der Protestbewegung.
In weiterer Folge entstanden auch Minjungkayo, die von Anfang an Protestcharakter hatten. Diese Entstehungsgeschichte führte dazu, dass die damaligen Protestbewegungen auch als Noreaundong (Lieder-Bewegung) bezeichnet wurden.
 
Im Gegensatz zur historischen Bedeutung des Begriffs Minjung als allgemeine Bezeichnung für die unteren Gesellschaftsschichten, bezeichneten sich die unterdrückten Massen nunmehr selbst als stolz als Minjung und ihre Bewegung als Minjung-Undong (Minjung-Bewegung).
Wie aus den Texten vieler der in dieser Vorlesung besprochenen Lieder ersichtlich ist, ist die Geschichte des koreanischen Volks- und Propagandalieds auch eine Geschickte der Minjung und ihrer Kampfes- und Leidensgeschichte.

Minjungkayo und Noreaundong dürfen aber nicht ausschließlich als politische Begriffe verstanden werden. Während sie im Kontext der Protestbewegung zweifellos politisch verwendet wurden, kann man nicht in jedem Fall von einer politischen Konnotation ausgehen.

 
 
Quellen:
 
Choi Chul: A Study on Korean Political Folksongs, in: Journal ofthe Science of Humanities, Vol.60, Yonsei University,1988, S.1-33.
 
Ryoo Hae Choon: The Aesthetics and Function on the Folklore of the Politics in Goryeo Dynasty, in: The Korean Language Literature, Vol.65, Eomunhak, 1988, S. 145-164.
 
Ryoo Hae Choon: The Aesthetics and Function on the Folklore of the Politics in Choson Dynasty, in: The Korean Language Literature, Vol.71, Hankukeomunhak, 2000, S. 205-227.
 
Lee Chang-sik: Political poetics of a folksong, in: Bigyominsokhak, Vol.26, Bigyominsok, 2004, S. 101-127.
 
Seong Geun Je: On "Politicization of Style" Phenomenon inside East Asia`s Art Movement: With Cases of Late 20th Century Korean Protest Song Movement, in: Memory & future vision, Vol.23, Korea Democracy Foundation, 2010, S. 106-141.
 
Howard Keith: Minyo in Korea: Songs of the People and Songs for the People, in: Asian music, Vol.30. No.2, University of Texas, 1999, S. 1-37.

 


 

1.민요(民謠): Minyo kann je nach Definition Unterschiedliches bezeichnen. In diesem Abschnitt steht der Begriff für Hyangt'ominyo bzw. Chŏnt'ongminyo, also traditionelle Lieder der Bevölkerung oder Massen.

2.민중(民衆): Minjung bedeutet wörtlich in Sino-Koreanisch „Volksmasse“, der allgemeine Begriff für die unteren Klassen. In den Protestbewegungen der Siebziger und Achtziger Jahre wurde der Begriff für die Massen verwendet, die politisch, kulturell und wirtschaftlich abhängig waren und für ihre Rechte kämpfen mussten.

« Zurück

Universität Wien
Institut für Ostasienwissenschaften Koreanologie

Spitalgasse 2
Hof 5 Eingang 5.4
1090 Wien

T: +43-1-4277-43820
E-Mail
Universität Wien | Universitätsring 1 | 1010 Wien | T +43-1-4277-0